Persönliche Gedanken zur Schwitzhütte

…und dem Wiederstand indigener Völker Nordamerikas
Auszug aus meinem Buch „Im Bauch unserer Mutter Erde“

Seit über 20 Jahren besuche ich Schwitzhütten verschiedenster Menschen.
Im Jahr 2001 begann ich selbst Schwitzhütten zu leiten. Einige Jahre zuvor begegnete mir ein Lakota vom Clan der Oglala Sioux aus South Dakota. Für einige Jahre verbrachte er als Sprecher seines Volkes die Zeit von Ende September bis Ende Mai in Europa. Neben vielen anderen Vorträgen und Informationsveranstaltungen sprach er auch mehrere Male für die Rechte seines Volkes vor der UNO Menschenrechtsversammlung in Genf. Für viele Jahre durfte ich ein Stück meines Weges mit ihm gehen und die Verantwortung für immer mehr Aufgaben rund um das Schwitzhüttenritual übernehmen. Ich war Platzhüterin, Feuerfrau, assistierte ihm in der Hütte und betreute die Teilnehmer vor und nach der Schwitzhütte.

Zur selben Zeit begegneten mir immer mehr Menschen die Schwitzhütten durchführten. Ich erlebte Erdhütten im keltisch-alemannischen Stil, Schwitzhütten von Europäern, die mit viel Achtung und Respekt vor der Schöpfung und all ihren Lebewesen dieses uralte Ritual durchführten, angelehnt an indigene Traditionen, vor allem aus Nordamerika.

Mein Lakota Freund erzählte mir sehr viel über sein Volk und dessen Spiritualität. Immer darauf bedacht, mir dabei zu vermitteln, dass er sich selbst als Erinnerer für Menschen sieht.

„Ich kann in dir die Erinnerung an all das was war und was ihr vergessen habt wieder erwecken. Ich kann euch die Knochen geben die ein Gerüst bilden, doch das Fleisch müsst ihr selbst draufgeben, auch die Muskeln und die Haut, damit ein lebendiges Wesen im Ritual entstehen kann.“

Mir persönlich war klar, dass ich als Europäerin ein Ritual eines indigenen nordamerikanischen Volkes niemals eins zu eins übernehmen kann. Mir fehlt der kulturelle, spirituelle und soziale Hintergrund dieses Volkes. Im Frühjahr 2000 brachte ich meinen Freund zum Flughafen, er machte sich wieder auf den Weg in seine Heimat, um an den Sonnentänzen teilzunehmen. Am Flughafen angekommen grinste er mich herausfordernd an und sagte: “Wenn ich im Herbst wiederkomme, möchte ich, dass du über den Sommer vier Hütten aufgegossen hast.“

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir – aufgrund einer früheren Erfahrung – keine Gedanken darüber gemacht, diese Zeremonie selbst durchzuführen. Ich war für den Moment ziemlich überfordert. In den Wochen und Monaten danach ergab es sich, dass ich von einem sehr lieben Menschen in ein Sommercamp eingeladen wurde. Nach Deutschland, in die Eifel, ins Forsthaus Scheuren zu Ulla und Roland Scholz. Dort erlebte ich eine sehr schöne und intensive Campwoche mit Menschen aus ganz verschiedenen spirituellen Richtungen, jedoch vorwiegend geprägt von den Zeremonien nord- amerikanischer Natives – im Stil der Crow Nation aus Montana. Hier erlebte ich Schwitzhütten in denen die Gebete auf Deutsch gesprochen wurden. Die Leiter führten ohne „indianische“ Worte ihre Zeremonie durch und die Lieder waren Chantings und Mantren aus der ganzen Welt. Ich lernte Lieder, die für mich persönlich als Europäerin in unserer heutigen Zeit stimmig sind. Viele andere Lieder sind im Laufe der Jahre hinzugekommen.

Die Aufforderung meines Lakota Freundes und das Erlebnis dieser Woche in der Eifel bildeten die Basis für meine zweite selbst angeleitete Schwitzhütte. ( Über die Erfahrung meiner ersten selbst aufgegossenen Schwitzhütte erzähle ich euch in einem anderen Blog – Beitrag…) Diese zweite Hütte war im Sommer 2002 gemeinsam mit meiner Familie im Garten meiner Tante. Seither habe ich viele Hütten geleitet und unzählige Menschen waren bei diesen Zeremonien dabei. Ich habe seit dieser Zeit immer mit Respekt und Achtung vor dem Ritual und seiner Kraft mich ins Dienen begeben, im Vertrauen auf meine geistige Führung und meine Ahnen die Schwitzhütte durchgeführt.

Gerade heute, am 10.10.2009 (zu diesem Datum habe ich das Buch geschrieben aus dem dieser Text stammt) wie ich die ersten Worte dieses Buches schreibe, geht eine Horrormeldung um die Welt: SEDONA/Arizona – 2 Tote und 19 Verletzte bei einer Schwitzhütte. Geleitet von einem spirituellen Guru dort in der Gegend, einem Weißen, der vielleicht ein bisschen indianisches Blut hat, der sich sehr gut verkauft auf dem „New Age Markt“ und im Rahmen eines Seminares diese „Schwitztherapie“ angeboten hat. Es waren ca. 50 Personen in einer mit Plastikplanen abgedeckten Schwitzhütte. Nach gut zwei Stunden begannen die Teilnehmer über Übelkeit, Schwindel und Schwäche zu klagen…

Es hat in der letzten Zeit immer wieder Meldungen über solche Zwischenfälle gegeben.
Vor ca. 20 Jahren begannen verschieden Menschen indianischer Abstammung in Europa Schwitzhütten durchzuführen. Viele Menschen anderer Ethnien fühlen sich zu diesem Ritual hingezogen. Für die Nordamerikanischen Natives ist es ein sehr zweischneidiges Thema, ob an Menschen „nichtindianischer Abstammung“ diese alten Zeremonien überhaupt weitergegeben werden sollen. Wie auch Menschen aus ihren Volksstämmen die „ indigenes Wissen“ an „Weiße“ weitergeben, sehr umstritten sind. Es gibt verschiedene Institutionen und Zusammenschlüsse die sich aktiv bis radikal gegen den „Ausverkauf der indianischen Spiritualität“ wehren. Es ist also sehr wohl so, dass viele nordamerikanischen Natives dagegen sind, dass außerhalb ihrer Kultur die Schwitzhütten Zeremonie – und auch andere Rituale wie z.B. der Sonnentanz – abgehalten werden.

Wenn ich solche Geschichten, wie diese aus Sedona lese, kann ich die Reaktionen der nordamerikanischen Natives die gegen eine Verbreitung dieser Zeremonie sind, durchaus verstehen. In ihren Traditionen müssen Menschen die Rituale dieser Art durchführen, über Jahre und Jahrzehnte hinweg von den Ältesten lernen.
Die nordamerikanischen Natives haben viele Elemente ihres spirituellen, naturbezogenen Erbes im Untergrund über die letzten 500 Jahre hinweg erhalten. Wir Europäern werden hingegen schon seit gut 2000 Jahren zu einer „Ein Gott Religion“ erzogen. Da ist es natürlich sehr verlockend, sich bei diesen „edlen und wilden Völkern“ spirituelle Erfüllung zu suchen.

Dabei wird selten genauer hingeschaut und die Problematik von Alkoholismus, Arbeitslosigkeit und Armut in den Reservaten gerne übersehen und ignoriert. „Der naturverbundene Indianer und seine Botschaft“ werden glorifiziert, manch ein Native, der nach Europa kommt, verliert sich in einem Strudel aus Bewunderung und Anbetung der Europäer. Die indianischen Menschen werden in Europa häufig für ihre „Dienste“ mit Geld bezahlt, meist für deren Verhältnisse sehr gut. Auch das führt unweigerlich zu Spannungen innerhalb der Stammesgemeinschaft. Abgesehen davon, ist es bei den nordamerikanischen Natives unüblich spirituelle Handlungen mit Geld bzw. mit fixen Preisen zu berechnen – vielmehr wird eine „donation“, eine Spende erwartet. Das diese Spende der jeweiligen Leistung und den eigenen Lebensverhältnissen angepasst wird, ist dort eine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil, meine Erfahrung hat gezeigt, das die meisten Native definitiv mehr geben als sie sich genau genommen leisten können.

In unserer europäischen Kultur wurden viele Informationen zum Glauben der Naturreligionen unserer Vorfahren gründlich zerstört. Dennoch werden in den letzten Jahren immer mehr Quellen zu „altem europäischem Wissen“ gefunden. Einige davon belegen, dass es in Irland, Island, England, Finnland, Russland, in der Mongolei, der Türkei und vielen anderen Ländern Schwitzzeremonien gab und gibt.

Wenn wir uns mit unserem christlichen Erbe auseinandersetzen, dort zwischen den Zeilen lesen, werden wir vieles finden was mit dem alten Glauben an den Lebensbaum, die Erdmutter, den Hinmelvater, die Götterwelten und noch so manches mehr zu tun hat.

Ich halte mich an die Bitte meines Lakota Freundes, der mir erzählte, dass er ein Erinnerer ist, der mir durch das Erinnern ein Gerüst gibt. Diesem Gerüst Leben einhauchen, das ist meine Aufgabe, eine sehr persönliche Aufgabe. Ich arbeite mit den Geistern meiner Heimat, mit den Bergen, den Pflanzen und den Ahnen hier. Ein Ritual hat eine klare, feste Grundstruktur und lebt von der Veränderung dazwischen. Es soll für die Zeit in der es durchgeführt wird, auf die Bedürfnisse und Umstände der Kultur, der Menschen und ihre Resonanzen abgestimmt sein. Ein Ritual wie die Schwitzhütte kann nur dann gefahrlos durchgeführt werden, wenn der Leiter sich seiner Verantwortung den Menschen sowie den Geistern gegenüber absolut im Klaren und bereit ist, bedingungslos zu dienen, zu vertrauen und zu lieben.

Nach über 20 Jahren Schwitzhütten-Erfahrung kann ich sagen, es ist eine sehr schöne und arbeitsintensive Herausforderung. Ebenso ist es ein Geschenk meiner Geister, mit dieser Zeremonie wirken zu dürfen. Ich danke den Schöpferkräften von Herzen für diesen Weg!

Ich achte und respektiere jede Meinung, die über das Abhalten von Zeremonien im Allgemeinen und Schwitzhütten im Speziellen existiert. Ich wünsche mir, dass meine Sicht ebenso respektiert wird.

Herzgruß,
Eure Sabrina

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